Klett-Cotta-Verlag Psychology
Im Fokus

Die Unternehmerfamilie als Familie eigener Art

Wenn das Unternehmen mit am (Beratungs-)Tisch sitzt


Januar 2019, 44. Jahrgang, Heft 1, pp 4-13

DOI 10.21706/fd-44-1-4



Zusammenfassung
Die Unternehmerfamilie kann im Vergleich zu den heute vorherrschenden Familienformen als »Familie eigener Art« klassifiziert werden. Ihr Wesen ergibt sich aus der strukturellen Kopplung der zwei Systeme Familie und Unternehmen. Daraus resultiert unweigerlich eine Vermischung beider Kontexte, wodurch die Familienmitglieder gleichzeitig unterschiedlichen Logiken ausgesetzt sind. Diese beeinflussen und prägen auch die Nachkommen. Der Beitrag geht der Frage nach, wie sich die Kopplung an ein Unternehmen auf die Familie wie auch auf die Identitätsbildung der Nachkommen auswirkt. Um zu verstehen, in welchem Kontext sich die Sozialisation der Nachkommen vollzieht, werden zunächst die Besonderheiten von Unternehmerfamilien dargestellt. Anschließend wird ein theoriegeleitetes Verständnis dessen vermittelt, wie die Dynamiken innerhalb der Unternehmerfamilie die Identität der Nachkommen im Zuge ihrer Sozialisation formen. Abschließend werden die Erkenntnisse zusammengefasst und Implikationen für die Beratungspraxis erläutert.

Abstract
The Enterprising Family as Family sui generis – When Businesses Take a Seat at the (Counselling) Table
In comparison with the kinds of family that are prevalent today, the enterprising family can legitimately be classified as a »family sui generis«. Its defining feature is the structural coupling between the family system and the business system. This invariably results in an intermesh between the two contexts that exposes family members to two different logics at the same time. These logics also leave their imprint on the children. The article enquires into the effect that connection with a business has both on the family and on identity formation in the descendants. For a better understanding of the context in which the socialisation of the offspring takes place, the author first delineates some defining features of enterprising families. There follows a theory-guided disquisition on the way the dynamics operative in business families shape the identity of the children in the course of their socialisation. In conclusion, the author summarises his findings and discusses implications for practical counselling.

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