Klett-Cotta-Verlag Psychology
Im Fokus

Freiwilligkeitsmythos Nachfolge

Die paradoxe Entscheidungssitua­tion von Nachfolgern in Familienunternehmen


Januar 2019, 44. Jahrgang, Heft 1, pp 14-22

DOI 10.21706/fd-44-1-14



Zusammenfassung
Die Nachfolgeentscheidung wird vielfach als eine auf Freiwilligkeit basierende Handlung des Nachfolgers beschrieben. Dabei ist trotz gesellschaftlicher Entwicklungen, die eine Vielfalt an biografischen Optionen nahelegen, bis heute die familieninterne Nachfolge das bevorzugte Modell, um ein Familienunternehmen weiterzuführen. Oftmals geht sie mit ambivalenten Gefühlen seitens des Nachfolgers einher, was die Frage nach der Spannung zwischen deklarierter Freiwilligkeit und den Motiven, die der Entscheidung zugrunde liegen, aufwirft. Dieser Artikel zeigt auf, in welchem Spannungsverhältnis sich Nachfolger heute bei der Entscheidung, in das Familienunternehmen einzusteigen, bewegen. Zugleich beleuchtet der Artikel das Dilemma des übergabewilligen Unternehmers, dessen größter Wunsch und Wille es ist, das Familienunternehmen mit dem eigenen Sohn (meist sind es bis heute die männlichen Nachkommen) in die nächste Generation zu überführen, ohne dabei jedoch dem Nachfolger die biografischen Entscheidungen direkt und verpflichtend aufzuerlegen.

Abstract
Succession and the Free-Will Myth – The Paradoxical Decision Situation Facing Successors to Family Businesses
Deciding whether or not to take over the running of a family business is generally referred to as an exercise of free will on the part of the successor. But although society today offers a plethora of biographical options, succession within the family is still the model of choice for ensuring the survival of family businesses. The feelings of the successor on the point are frequently ambivalent, suggesting that there are tensions between the protestations of free will on the one hand and the actual motives underlying the decision on the other. The article discusses the tensions successors to family businesses are exposed to when deciding whether or not to take charge of the enterprise. It also describes the dilemma of the owner, whose dearest wish is for his own son to inherit the company (even today it usually is a son) without at the same time exerting direct influence or pressure on his decisions.

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