Klett-Cotta-Verlag Psychology
Im Fokus

Selbstsorge als kommunitäres Projekt

Eine Perspektive jenseits neo­liberaler Selbstverantwortung


April 2019, 44. Jahrgang, Heft 2, pp 92-101

DOI 10.21706/fd-44-2-92



Zusammenfassung
Selbstsorge in der psychosozialen Praxis bedarf eines reflektierten Bezugs zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der Gegenwartsgesellschaft, die den Subjekten ein hohes Maß an Veränderungen in ihrer alltäglichen und beruflichen Lebenspraxis zumutet. In einer Gesellschaft der ›Singularitäten‹ (Reckwitz) wird ein Subjekt konstruiert, das sich auf dem Fitness-Parcours des globalen Kapitalismus in einen Steigerungszirkel ohne Grenzmarkierungen begibt. Perspektiven für die Arbeit in der digitalisierten Zukunftsgesellschaft gehen genau in diese Richtung. Das damit verbundene Erschöpfungsrisiko ist für das individualisierte Subjekt nicht mehr steuerbar. Es bedarf einer Selbstsorge, die ihre Ressourcen aus Netzwerken kommunitärer Unterstützung schöpfen kann. Therapeutisch-technische Lösungsansätze werden dieser Herausforderung nicht gerecht. Psychosoziale Professionalität bedarf einer differenzierten Gesellschaftsdiagnostik und Konzepten dafür, wie die Selbstsorgeressourcen der Subjekte wirksam gefördert werden können.

Abstract
Self-Care as a Communal Project – Beyond the Bounds of Neo-Liberal Self-Responsibility
In psycho-social practice, self-care calls for a reflective relation to the societal parameters in a present-day society that imposes on individuals a high degree of change in their everyday and professional lives. In a society of »singularities« (Reckwitz), the individual subject is very much a construct caught up in an optimisation spiral devoid of boundary markings, itself a part if the fitness parcours imposed by global capitalism. The perspectives for work in the digitised society of tomorrow point precisely in this direction. The exhaustion risk bound up with this can no longer be controlled by the individual subject. What is required is a species of self-care that derives its re­sources from networks of communal support. Therapeutic / technical approaches cannot deal with this challenge. Psycho-social professionalism must draw upon sophisticated societal diagnostics and upon strategies for effectively furthering self-care resources for individuals.

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https://doi.org/10.21706/fd-44-2-92

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